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Kapitel 1 (Julies Sicht/Marina)

„Julie?“ – „Ja?“ – „Ich hab’ Angst“, Lili
hielt meine Hand umklammert. „Ich auch…“,
musste ich zugeben. Wir standen hier auf
einem Hausdach, keine Ahnung wie hoch,
und schauten ängstlich runter. „Sollen wir wirklich?
Ich mein’, sollen wir echt da runter springen...?“,
fragte ich. „Also ich mach’s. Mein Leben hat doch
eh keinen Wert mehr“, meinte Lili. Ja, es stimmt.
Meins eigentlich auch nicht. Ich geh’ doch eh
allen am Arsch vorbei. Meinen Eltern bin ich
voll egal, die kümmern sich immer nur um meine
kleine Schwester. Die würden sich doch nur freuen,
wenn ich weg wäre. In der Schule mag man mich
auch nicht, weil ich eben „anders“ bin. Okay, ich
zieh’ mich anders an als die anderen und hab ’ne
andere Einstellung, aber müssen sie mich deshalb
gleich hassen? Immer diese scheiß Vorurteile, „oh
mein Gott, wie sieht die denn aus, die ist bestimmt
voll dumm.“ Ja, danke auch. Aber auf so Leute pfeif’
ich. Tja, und da waren dann auch noch meine
„Freunde“. Mit denen gibt’s in letzter Zeit auch nur
noch Stress. Okay, in letzter Zeit ist gut, eigentlich
schon seit ’nem guten Jahr. Klar, zwischendrin
haben wir und schon wieder gut verstanden,
aber das hielt dann nie lange an. Miri,
die bis vor einem Jahr noch meine beste
Freundin war, hat sich auch auf einmal
von mir abgewendet, eigentlich
erst, seit ich mich eben „anders“ kleide.
Aber von ihr hab’ ich das echt am wenigsten
erwartet. Ich meine, von der
besten Freundin meint man doch,
dass die einen am besten kennt, oder?
Und nur weil ich jetzt äußerlich
anders bin, muss das doch nicht heißen,
dass ich innerlich genauso bin. Damals
war ich echt so verzweifelt. Als Miri
mir die Freundschaft gekündigt hat,
begann ich, in mein tiefes Loch zu sinken.
Dann kam auch mal wieder Streit
mit dem Rest der Clique dazu, und ich
begann mich zu ritzen. Da war ich echt
auch kurz davor, mir das Leben zu
nehmen, die Klinge war gefährlich nah
an meinen Pulsschlagadern. Aber dann
hab ich mich doch nicht getraut.

Dann lernte ich Lili kennen. Wir kannten
uns zwar schon länger, hatten aber nie sehr
viel miteinander zu tun. Sie war damals
in einer ähnlichen Situation, vielleicht
sind wir deshalb so schnell allerbeste
Freundinnen geworden. Sie akzeptierte
mich einfach wie ich bin, hatte immer ein
offenes Ohr für mich wenn’s mir schlecht
ging, und zusammen bauten wir eine Scheiße
nach der anderen. Sie ist echt die Beste. Und
zusammen ging es uns dann auch wieder besser,
hatten wieder ein bisschen mehr Freunde am
Leben. Miri ging mir nach wie vor aus dem
Weg, und die Clique ist auch irgendwie
verändert. Wir stritten uns immer mehr, am
Ende wollten auch sie nichts mehr mit mir zu
tun haben. Das war wieder ein ziemlicher Schock
für mich, dass mich meine Leute, die ich
teilweise schon seit dem Kindergarten kannte,
auf einmal auch nicht mehr mögen. Aber ich
hab’ versucht, es zu akzeptieren, ritzte mich
aber trotzdem weiter. Der permanente Stress
mit meinen Eltern und mit der Clique machte
mir doch sehr zu schaffen. Tja, und dann
kam Felix. Er haute mich einfach um. Bei ihm
fand ich seit langem wieder echte Liebe und
Geborgenheit. Wir waren vier Monate zusammen
– genauer gesagt bis gestern. Das war echt Horror.
Ich hab da bei ihm angerufen, weil ich wissen
wollte, wie es ihm so geht und so, weil wir uns
die ganze Woche nicht gesehen haben, und
er meinte dann am Telefon: „Julie, ich… ich
muss dir was sagen...“ Er sagte dann noch,
dass er es mir lieber persönlich sagen würde,
und dass wir uns am Brunnen treffen sollten.
Ich hatte schon ein komisches Gefühl im Bauch,
bin aber trotzdem hingegangen, und dann kam
ja der Oberhammer: Er ist die ganze Zeit meinem
Blick ausgewichen und erzählte dann leise, aber
laut genug, dass ich jedes einzelne Wort
verstehen konnte: „Weißt du, es ist ja nicht
so, dass ich dich nicht mag oder so. Du bist
echt ’n süßes nettes Mädchen und so aber…
ich… ich hab mich in jemand anderen verliebt.
Es tut mir echt leid, und ich kann verstehen,
dass du jetzt sauer bist, aber ich kann einfach
nicht mit jemandem zusammen sein, den ich
gar nicht liebe. Sorry“ Mit den Worten ging er.
In mir brach eine Welt zusammen. Ich konnte –
wollte – es nicht wahrhaben. Aber es war wirklich
so. Jetzt gab es echt (fast) keinen Grund mehr
zu leben für mich.

Am Abend hab ich dann Lili angerufen,
ihr ging es gerade genauso scheiße,
ihr Vater hat sie wieder geschlagen und
zu allem Überfluss hat sie auch noch
rausbekommen, dass ihr Freund sie betrogen
hat.

Tja, und jetzt stehen wir hier auf dem Dach.
Ich weiß nicht wieso, es hat sich einfach so
ergeben. Ich zitterte. „Scheiße, ich…“, fing ich
an aber stockte. „Das ist ziemlich verrückt was
wir hier machen“, murmelte Lili. „Jap“, ich
lachte bitter. „Also bei drei, okay?“, fragte sie
unsicher. Ich nickte und hielt ihre Hand noch
fester. „Eins…“, shit, will ich das wirklich? „Zwei…“,
ja! Mein Leben hat doch eh keinen Sinn mehr.
„Zweieinhalb…“, Lili sah mich an. Ich sah
Verzweiflung in ihren Augen. Wahrscheinlich
war sie genauso unsicher wie ich. „Zweidreiviertel…“,
ich schloss die Augen. „Drei!“, wollte gerade
springen, da zog mich jemand zurück.

„Ey was soll…“, wollte ich sagen doch
dieser Jemand legte mir seine Finger
auf die Lippen. Wir setzten uns auf den
Boden und er hielt mich ganz fest im Arm.
„Noch mal Glück gehabt“, flüsterte er
(mittlerweile war ich mir sicher, dass es
ein Junge ist), „Du kannst doch nicht einfach
so da runter springen“ Doch, kann ich wohl,
dachte ich mir. Was fällt dem überhaupt ein?
Kann doch dem egal sein was ich mache.
Ich sah mich nach Lili um. Sie lag in den
Armen eines anderen Jungen und klammerte
sich fest an ihn. „Wie… wieso habt ihr das
gemacht?“, stotterte sie und der andere Junge
antwortete: „Na ja, hey, wenn ihr wirklich
da runter springen wolltet, dann hättet ihr es
sicher irgendwann mal bereut. Ich hab zwar
jetzt keine Ahnung wieso ihr das machen wolltet,
ob ihr grad’ so fertig mit der Welt seit oder
sonst was, aber das geht vorbei, und da wär’
es doch schade, wenn ihr euer Leben jetzt
schon aufgeben würdet, oder?!“ Mein Gott,
das klang verdammt erwachsen. Obwohl
der Junge höchstens 14 war. Und er hatte
verdammt noch mal Recht! „Aber… euch
kann es doch eigentlich egal sein wenn so
2 Mädels mal kurz von ’nem Dach springen…
oder?“, fragte ich. „Ist es uns aber nicht. Schon
gar nicht, wenn sich zwei so hübsche süße
Mädchen das Leben nehmen wollen“, flüsterte
„mein“ Junge, sodass es nur ich verstand. Und
ich war ziemlich geschockt. Weil mir jetzt
erst richtig bewusst wurde, was Lili und ich
da machen wollten. Ich drehte mich zu dem
Jungen um, weil ich mich bedanken wollte,
aber da stockte ich. Der sah aus wie… das
IST Jo von den Killerpilzen. Oh mein Gott,
das war jetzt echt zu viel. Mir wurde zuerst
schwindelig, dann schwarz vor Augen und
ich sank in Jos Arme.

Es war schon dunkel und man konnte
die Leute nur schwer erkennen. Dennoch
sah ich Felix. Und Miri. Sie lagen sich
in den Armen und… küssten sich!
Nein, was soll das denn bitte?! Ich
schüttelte heftig den Kopf und rief
immer wieder: „Nein!“

„Hey…, hey, nicht erschrecken“, eine
Stimme riss mich aus dem Schlaf. Ich
zitterte am ganzen Körper, obwohl
mir gar nicht kalt war. Ich war ein
bisschen wie in Trance, tausend
Gedanken schwirrten in meinem
Kopf herum. „Felix… Miri… die
können doch nicht…“, stotterte ich
immer noch völlig verwirrt. „Pscht,
ganz ruhig, es ist alles gut…“, Jo
wiegte mich in seinen Armen sanft
hin und her. Jetzt fiel mir alles wieder
ein. Dass Lili und ich von dem Dach springen
wollten. Und Jo und Fabi uns in letzter
Sekunde zurückgehalten haben. Als ich
realisierte, dass es DER Jo war, der
mich sozusagen gerettet hat, musste
ich wohl umgekippt sein.

„Wo ist Lili?“, fragte ich leise.
„Die ist schon bei sich zu Hause.
Fabi kümmert sich noch ein bisschen
um sie“, erst jetzt fiel mir auf, dass ich
in meinem Zimmer lag, „Und ich hab’
dich hier her gebracht, es liegt ja auf
dem Weg zu Lili’s Haus“, fuhr Jo fort.
„Und ich hab’ mich ja noch gar nicht
bedankt“, ich drehte mich zu ihm um,
„Danke, dass du mich da zurückgehalten
hast. Und danke, dass du dich jetzt auch
so lieb um mich kümmerst“

„Ach komm, ist doch Ehrensache“, lächelte
er. Auf einmal war ich furchtbar müde. Das
war doch alles ziemlich hardcore heute. Mit
einem Lächeln im Gesicht schlief ich in Jo's
Armen wieder ein.

 

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