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Kapitel 3 (Julie/ Marina)

„Julia, passt du bitte heute Abend
auf deine Schwester auf, dein Vater

und ich wollen nämlich in die Oper

gehen?!“, fragte mich meine Mutter,

als ich ihr half, das Geschirr abzuspülen.

„Och Mama, muss das sein?“, fragte ich

zurück. „Ja, muss es. Wir können doch

nicht immer so ein teueres Kindermädchen

kommen lassen.“, ja, aber in die teure

Oper gehen, dachte ich mir, sagte

es aber nicht laut. Meine Mutter fuhr

fort: „Und am besten passt du heute

Nachmittag auch noch auf Jessica auf,

da muss ich noch etwas geschäftliches

erledigen“ – „Nein, Mama“, erwiderte

ich. „Bitte? Sag das bitte noch mal!?“,

forderte sie mich auf. „Ich hab gesagt,

nein, Mama, weil du ganz genau weißt,

dass ich heute Lili besuchen wollte. Wenn

ich schon gestern wegen dem Ausflug

nicht zu ihr konnte…“ Sie sah mich etwas

komisch an, dann sagte sie: „Also Julia!“,

dieser vorwurfsvolle Ton schon wieder,

„Das mit deiner Freundin tut mir wirklich

leid, aber wir können doch nicht wegen

ihr unseren ganzen Tagesplan umwerfen“

Ich sah sie giftig an. „Mama…“, begann

ich leise, „Lili’s Vater schlägt sie! Da hat

es sich nicht mit ein bisschen ‚Och, das

tut uns jetzt aber leid…’, das ist echt

schlimm. Aber euch ist wahrscheinlich

auch das egal. Euch geht es doch immer

nur um euch und Jessi! Hauptsache,

euch geht es gut. Der Rest der Welt geht

euch doch am Arsch vorbei! Ich bin zufällig

auch eure Tochter, aber wen interessiert

das schon. Wenn ihr mich auch mal halbwegs

respektieren würdet, dann würdet ihr verstehen,

dass ich heute lieber Lili besuchen will. Ihr

geht es nämlich schlechter, als euch allen

zusammen!“, ich schmiss das Geschirrtuch

hin und meine Mutter wich erschrocken einen

Schritt zurück. „Julia, ich… ich…“, stammelte

sie. „Ach komm, vergiss es. Was du laberst,

ist doch eh nur scheiße“, jetzt war ich ein

bisschen über mich selbst erschrocken. So

was hatte ich zu meiner Mutter wirklich noch

nie gesagt. Aber es stimmte doch. „Na, na,

Fräulein, so nicht!“, sagte meine Mutter, als

sie sich wieder gefasst hatte. Doch bevor sie

mich am Arm packen konnte, rannte ich aus

der Küche an meinem verwirrten Vater, der

gerade von der Arbeit kam, vorbei die Treppen

hoch. „Julia! Du kommst sofort wieder her!“, schrie

meine Mutter. „Fick dich!“, gab ich von oben

zurück und knallte die Zimmertür zu.

In meinem Zimmer rutschte ich an der Wand hinunter

und blieb einfach sitzen. Irgendwie war ich auf

einmal ziemlich fertig, weil ich gerade das zu

meiner Mutter gesagt hatte, was ich ihr schon

so lange sagen wollte, mich aber nie getraut

hatte. Das befreite mich irgendwie, aber

andererseits hatte ich ein ziemlich schlechtes

Gewissen. Keine Ahnung wieso, schließlich

stimmte es doch, dass ich denen am Arsch

vorbeiging. Aber trotzdem… sie sind doch

meine Eltern! Oder… sind sie das wirklich?

Die ganzen Jahre hatte ich nichts von ihrer

Liebe gespürt. Ihre ganze Aufmerksamkeit

galt nur Jessi. Was ich machte, war schon

immer egal, nur wenn ich etwas falsch

machte, dann nahmen sie mich wahr und

motzten mich so richtig zusammen.

Die Welt ist verdammt ungerecht. Mir lief

eine Träne die Wange herunter, die ich

schnell wieder wegwischte. Ich wollte jetzt

nicht heulen. Die sind es doch

gar nicht wert.

Ich musste lange dort gesessen

haben, denn auf einmal streckte meine

Mutter den Kopf zur Tür herein und sagte:

„Wir sind jetzt dann weg. Kommen

wahrscheinlich erst sehr spät in der Nacht

wieder zurück, also musst du das Abendessen

für Jessica und dich auch selber machen.

Das ist doch kein Problem, oder?“, ohne

eine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Und

in einer Stunde muss sie noch zum

Ballett-Unterricht, also wenn du sie

freundlicherweise auch dorthin bringen

könntest?!“ Woah, Mama, ich bin nicht

euer Kindermädchen, wollte ich sagen,

doch ich ließ es lieber bleiben. Stattdessen

brachte ich nur ein „Okay“ hervor, und meiner

Mutter verließ das Zimmer. Ich stand auf und

ging auch runter. Dort gerade dramatische

Verabschiedung von Jessi, als ob die Alten

5 Jahre weg wären. Ich verdrehte die Augen

und setzte mich auf das Sofa. „Also, tschüss!“,

hörte ich meine Mutter noch rufen und mein

Vater fügte hinzu: „Und nichts anstellen!“

Dann schlossen sie die Haustür. Ich blieb

noch eine Weile sitzen, bis Jessi zu mir kam.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte sie. Ich

überlegte. Jetzt war es kurz nach halb vier.

Um halb fünf fängt der Ballettunterricht an, bis

halb sechs. Wir könnten ja jetzt zum Krankenhaus

fahren und Lili besuchen, dann brachte ich Jessi kurz

zum Ballett, das Gebäude war ja nur eine Straße

weiter, während sie ihren Unterricht hatte, bin

ich wieder bei Lili und um halb sechs hole

ich Jessi wieder ab. Ja, das passt doch so.

Ich sagte es Jessi, diese freute sich, denn

sie mochte Lili gerne, das hab ich schon

mitbekommen.

Also waren wir eine knappe halbe Stunde

später bei Lili. „Hey Maus! Und, wie geht’s

dir so?“, begrüßte ich sie. „Na ja, körperlich

besser, seelisch nicht so.“

„Heey, was’n los?“, fragte ich. „Na ja, Fabi

hat mir ja versprochen, dass er mich jeden

tag besuchen kommt, aber er war gestern

nicht da, und heute auch noch nicht.“ –

„Och Süße. Dem ist bestimmt irgendwas

dazwischen gekommen oder so!“ – „Ja, das

hat Maria auch gesagt“, sagte Lili und deutete

auf die Frau neben sich. „Oh, hallo, ich hab’

sie noch gar nicht bemerkt, sorry“, sagte ich

etwas verlegen zu der Frau. Diese lachte leicht.

„Schon okay, du kannst mich übrigens ruhig duzen.

Ich bin Maria und du bist… Julie, richtig?“

„Ja, genau“, antwortete ich. „Und die Kleine…?“,

fragte Maria weiter. „Ach ja, das ist meine kleine

Schwester, Jessi“, mensch, die hatte ich ja fast

vergessen! „Hey, Jessi“, Lili streckte ihre Hand

zu ihr aus, welche Jessi auch gleich nahm, „Und,

wie geht’s dir so?“ Sie rutschte ein wenig zur Seite,

damit sich Jessi auf das Bett setzen konnte. Etwas

schüchtern erzählte sie dann, dass sie nachher

noch zum Ballettunterricht müsste, und dass sie

sich freute, Lili mal wieder zu sehen. Die beiden

mochten sich wirklich. Ich lächelte. Ich mochte

meine kleine Schwester ja auch, sie war wirklich

süß. Und dafür, dass unsere Eltern so waren,

konnte sie ja auch nichts.

Lili unterhielt sich noch weiter mit Jessi, und

ich redete ein bisschen mit Maria. Sie erzählte

mir, dass sie im Jugendamt eine bedeutende

Rolle hatte, uns so für Lili ein gutes Wort

einlegen konnte.

Die Zeit ging schnell rum. Ich brachte Jessi

kurz zum Ballettunterricht, dann ging ich

wieder Richtung Krankenhaus. Plötzlich

hörte ich Gekreische hinter mir. Neugierig

wie ich war, drehte ich mich um, um zu

sehen, was los war. Erstmal sah ich nur ca.

10 Mädchen, die wild mit den Händen

herumfuchtelten und kreischten, dann

erkannte ich auch sie. Jo und Fabi standen

inmitten der Mädchen-Menge und schrieben

fleißig Autogramme. Ich konnte mir ein

Grinsen nicht verkneifen und wartete, bis

die Mädchen wieder alle weg waren. Die

Jungs kamen auf mich zu und sahen

beide etwas genervt aus. Natürlich kam

jetzt ein Kommentar von mir, ich kann

meine Klappe eben doch nie halten.

„Naa ihr Schwerstarbeiter?“ Fabi

antwortete: „Das ist gar nicht so lustig,

nach ’ner gewissen Zeit nervt’s eben

doch“

„Hey erstmal“, begrüßte mich Jo und

umarmte mich. Schon wieder hörte ich

Gekreische. „Och nee…“, murmelte Fabi.

„Scheiße, die kommen mit Fotokameras“,

Jo packte mich an der Hand und rannte

die Straße entlang, Fabi hinter uns. Wir

bogen in eine enge Seitengasse ein

und erst jetzt stoppte Jo wieder.

„Äähm… was war das jetzt?“, fragte

ich vorsichtig. „Weißt du“, erklärte Jo,

während er noch ein bisschen außer

Atem war, „wenn man jetzt so ‚berühmt’

ist, muss man extrem vorsichtig sein.

Weil wenn die uns jetzt mit der Kamera

erwischt hätten, dann wären die Fotos

garantiert in der nächsten Bravo, die

würden das wahrscheinlich total missverstehen

und dann steht da als Schlagzeile so was

wie ‚Killerpilze doch nicht solo? Bravo sah

Jo mit einem wildfremden Mädchen’ oder

so, und dann gibt’s Ärger von der Firma und

sonst wem.“, er grinste mich an. „Okay, alles

klar“, lachte ich. Fabi fuhr fort: „Und wir müssen

ja froh sein, dass wir überhaupt noch so auf

die Straße gehen können. Nicht so wie bei

Tokio Hotel, die sich gleich verkleiden

müssen und so. Und das reicht ja auch

noch nicht, die brauchen ja dann auch

noch ’nen Bodyguard und das wär’ nix für

uns“ – „Ja, kann ich mir vorstellen“, meinte ich.

„Sag mal…“, fragte Fabi dann. „Wie geht’s

eigentlich der Lili? Ist sie sehr sauer weil

ich gestern nicht da war?“, er klang ein

bisschen besorgt. „Ja, na ja, sie ist halt

ziemlich traurig“, gab ich Auskunft. „Ja,

wir wären ja auch gekommen, aber

wir mussten ja so unbedingt noch zu

so ’nem dummen Interview“, sagte Jo

und man hörte die Ironie aus seiner Stimme

heraus. Wir gingen wieder zum Krankenhaus

und als Lili sah, wen ich mitgebracht hatte,

freute sie sich riesig. Konnte ich auch

verstehen. Und ich war auch einfach

glücklich – weil es meiner besten

Freundin auch wieder besser ging.

Bei dem Gedanken musste ich lächeln.

Wir waren schon irgendwie seelenverwandt.

Und das sollte sich auch nie ändern.

 

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